City Walk Berlin

Der Blog hier ist eine Abteilung von City Walk Berlin.

 

Ein Stadtrundgang durch Berlin mit über 800 Link-Hinweisen.

 

 

 

Jetzt (2008) neu beim City Walk:

Berliner Graffity-Aktivisten

 

 

 

Die Brunnenstraße ist, wie fast ganz Berlin, graffitigesättigt. Nicht nur die Galerienszene Berlins, auch die Stadt selbst stieg zum angesagtesten Showroom Europas auf: Streetart mauserte sich zur erfrischendsten urbanen Agitations- wie Wahrnehmungsform. Die meist nachtaktiven Aktivisten schöpfen ihre Botschaften aus dem Unterbewussten der Stadt und versuchen das Bewusstsein der Stadtbewohner zu schärfen. Schon vor Jahren gelang es CBS, durch großformatige Schriftzüge ihres Claims an allen Wänden, großstädtische Traumata in Zeichen zu setzen. Die geballen Fäuste in meist unerreichbarer Höhe gehören mittlerweile zu Berlin wie die Designattacken der BVG. SP38 müht sich seit Jahren, die Mitte-Bourgeoisie durch Schriftparolen wie Who kills Mitte auf Plakaten zur Läuterung zu bringen. Alias demaskiert mit portraithaften Eindringlichkeiten die mediale Oberflächlichkeit, Noel hinterlässt an den Tatorten seiner cartoonartigen Geschichten einen augenzwinkernden kleinen grünen Wurm, und !!6_or_SeX.4rtist.com [2] machte die Stadt mit seinen 6-en zu einem Symboldschungel, der so dicht ist wie die Stadt selbst. Nichts ist vor ihm sicher. In der Invalidenstraße arrangierte er eine Baustellenruine zu einem Tempel. Obey setzt markante Maskengesichter, Bonk sampelt Images, Dolk spiegelt auf raue Weise raue Wirklichkeiten wider, und Swoon zeichnet fantasieintensive Gestalten. Durch die Techniken von Stencils, Sticker und Schablonen wurde die Urban Art wider das bloße Verschmieren und Taggen von Wänden und das Zerkratzen von Scheiben anspruchsvoll, erwachsen und beliebt. Die Kommentare zu Zeitgeist und Weltgeschehen richten sich - gleich vieler Blogs wider die Presse - wie Souffleure gegen die Banalitäten von Werbung und stadtplanerischer Perfektion. Zwar haben die Akteure nach wie vor – Reiz muß sein - mit Verhaftung und Geldstrafen zu rechnen, doch als Community formieren sie sich zu einer erfolgreichen Gegenöffentlichkeit. Just und Ecosystem bloggen die Szene, und Kunstvermittler wie die ATM-Galerie in der Brunnenstraße, die Circleculture Galerie in der Gipsstraße und Zero Projekts in Kreuzberg machen sie salonfähig.

 

Manche bleiben der Rebel Art konsequent inkognito treu. Sie sind zumeist nachts unterwegs und bisweilen rasch auf der Flucht. Mit Spray, Aufdrucken oder Schnittmuster, mit Farbeimer, Pinsel und manchmal mit Leiter. El Bocho verbreitet das drollige Mädchen Little Lucie und erhängt massenweise Katzen am Strick. Emess thematisiert Gewalt und gab dem großformatigen sterbenden Soldaten eine Spraydose als Waffe. Ony2 bringt geschichtliche Prominenz in Erinnerung, doubelt die Jungs und Mädels aus der Nachbarschaft an Wände und verbreitet Sticker auf Straßenschilder. Mente ist Spezialistin für die Verwandlung von Kaugummiautomaten, M-City liebt großflächige, aus Schablonen entstehende Stadt-Silhouetten, und Evol verwandelt Stromkästen in Plattenbauten. Xoooox persifliert die Modewelt und fügt seinen filigran agierenden Figuren kreuz- und blasenähnliche Sprechsymbole zur Seite, Nomad wurde durch die Ausrufezeichengesichtfigur Mr. Friendly, durch Eierdotterwesen und grinsende Hunde prominent, und Cupk durch eine aggressiv grinsende Kopfgestalt mit Brille und Helm. Auf der Website bietet Cupk Schnittmuster seiner Hauptfigur. Ebenso Pixelpopulation, der seine Piktogramme der heiteren Art europaweit streut. Czarnobyl klebt detailintensive Klonfiguren und Technikvisionen, der Citysampler fotografiert Graffiti und klebt die ausgedruckten Auszüge als Zitat neben die Originale, und Bimer bringt lustvoll Berliner Bären zum Tanzen. Viele der Aktivisten verstehen ihr Treiben als ultimative Möglichkeit, jenseits von Kunstbetrieb und Medien Aussagen zu platzieren, doch spätestens durch zahlreiche Buchveröffentlichungen und die Projekte Backjumps und Urban Affairs wurden einige zu galerienkompatiblen Stars. Bisweilen legen die Galeristen auch selbst Hand an: Wer auf sich hält, setzt eine Spraybanane an die Hauswand der Galerie. Schablonen gibt es beim Bananensprayer.

 

Ohnehin ist der öffentliche Raum Berlins neben der offiziellen wie privaten Stadtmöblierung vielfältig besetzt: Überlebensgroße Buddy-Bären bringen Butterfahrt-Touristen in Ekstase, doch Ästhetikbegabte zur Verzweiflung.  Die Wall AG entsorgte historische Pissoirs, einst Cafe Achteck genannt, um an aerodynamischen Automatik-Klos Werbung plazieren zu können. Berlin wird immer schöner. Doch die Stadtguerilla schläft nicht: In Nacht- und Nebelaktionen zerstören Unbekannte großflächige Anzeigenplakate, was zu großem Leid in der Werbebranche führt. Die Hedonistische Internationale revolutioniert die Freude am Protestieren durch Tanz, diverse Gruppen versenken den geplanten Bürostadtteil Mediaspree, Guerilla-Gärtner bringen illegal grün in die Stadt, und Reclaim the Sparkasse organisieren Überraschungs-Parties in Geldfilialen. Extrem extremistische Aktionen sind selten, doch manchmal brennen Autos.

 

 

Hier gehts lang: City Walk Berlin.